Reportagen enthüllen: Vergessene Stimmen im deutschen Journalismus

Deutsche Reportagen erreichen Millionen, doch wessen Geschichten erzählen sie tatsächlich? Eine Analyse von 1.155 Videos der Funk-Formate zeigt: 85,9 % konzentrieren sich auf Deutschland als Ereignisland, während Menschen mit Migrationsgeschichte systematisch fehlen. In der Schweiz hat bereits ein Drittel der Bevölkerung Migrationsgeschichte, dennoch bleiben diese Perspektiven in Redaktionen unterrepräsentiert. Wir untersuchen, warum Formate wie ARD Reportagen, ZDF Reportage und SRF Reportagen diverser werden müssen. Das Reportagen Magazin und innovative Modelle zeigen Wege auf, wie vergessene Stimmen endlich Gehör finden können.

Diversität fehlt: Warum deutsche Redaktionen homogen bleiben

Die unsichtbare Barriere für migrantische Journalist:innen

Redaktionen bekennen sich zu Vielfalt, doch zwischen Absicht und Realität klafft eine Lücke. Bei einer Umfrage unter 187 Journalist:innen of Color und mit Migrationsgeschichte zeigte sich: Rund 90 Prozent haben Rassismus bei der Arbeit erfahren. Stereotypisierung, Absprechen von Expertise und berufliche Nachteile prägen den Alltag. Die tunesische Journalistin Asma Laabidi schickt Themenvorschläge an deutsche Redaktionen, die unbeantwortet bleiben. Gleichzeitig suchen Medienhäuser über Twitter nach Arabischsprechenden für eilige Übersetzungen. Vielfalt bleibt eine Notlösung statt strategisches Ziel.

Sprachbarrieren dienen oft als Argument gegen migrantische Bewerber:innen. Dennoch betonen Personalverantwortliche klassische journalistische Fähigkeiten als wichtigste Kriterien, ausgerechnet in Bereichen, wo sie bei Migrant:innen die größten Defizite vermuten. Interkulturelle Kompetenzen, die diese Journalist:innen mitbringen, werden als deutlich weniger wichtig erachtet. Ein kamerunischer Journalist fand trotz deutschem Journalistik-Studium keinen Volontariatsplatz. Lediglich ein Drittel der migrantischen Journalist:innen gab an, keine Diskriminierungserfahrungen gemacht zu haben.

Zahlen sprechen Bände: Wer fehlt in den Newsrooms?

Von 126 befragten Chefredakteur:innen der reichweitenstärksten deutschen Medien haben nur 6 Prozent einen Migrationshintergrund. Während jede vierte Person in Deutschland mindestens ein Elternteil hat, das nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde, sind 94 Prozent aller Chefredakteur:innen weiße Deutsche ohne Einwanderungsgeschichte. Besonders diskriminierte Gruppen fehlen vollständig:

  • Keine schwarzen Chefredakteur:innen
  • Keine Muslim:innen in Führungspositionen
  • Keine Vertreter:innen der größten Einwanderergruppen (türkisch, polnisch, russischsprachig)

Ältere Erhebungen beziffern den Anteil von Journalist:innen mit Migrationshintergrund auf vier bis fünf Prozent. Bei Tageszeitungen lag er 2009 bei nur einem Prozent. Die Märkische Oderzeitung beschäftigt niemanden mit Migrationshintergrund in der Redaktion, während der Kölner Express den Anteil auf 15 Prozent schätzt. Ausschließlich Thomson Reuters führt systematische Statistiken und gibt den Anteil ausländischer Staatsbürger:innen mit 31 Prozent an.

ARD Reportagen und ZDF Reportage: Ein Blick hinter die Kulissen

Die ARD hat ein Diversityboard eingerichtet, in dem Diversity-Expert:innen aller Medienhäuser an gemeinsamen Maßnahmen arbeiten. Der Fortschritt unterliegt regelmäßigem Monitoring durch die Intendant:innen. Dennoch bleibt die Umsetzung problematisch. Von 122 befragten Redaktionen konnten lediglich 56 beantworten, ob sie den Anteil von Journalist:innen mit Migrationshintergrund kennen. Mit einer Ausnahme konnte niemand verlässliche, systematische Angaben machen.

Rundfunkräte, die öffentlich-rechtliche Sender kontrollieren sollen, schließen große Teile der Gesellschaft aus. Menschen mit Behinderung sind nur in sieben, LGBTQIA+ in sechs, Muslim:innen in vier und Rom:nja sowie Sinti:zze nur in einem von zwölf Gremien vertreten. Das Durchschnittsalter beträgt 57,8 Jahre. Auf jede Person unter 40 kommen durchschnittlich mehr als zwei, die älter sind als 70. Die positive Einstellung zum Thema Vielfalt spiegelt sich in deutschen Chefredaktionen nicht wider.

Vergessene Perspektiven: Welche Stimmen bleiben ungehört?

Menschen mit Migrationsgeschichte als Objekte statt Subjekte

Über Migration wird gesprochen, doch mit Betroffenen kaum. Der Anteil von Migrant:innen an allen in der Migrationsberichterstattung vorkommenden Personen beträgt zwischen 10 und 25 Prozent. Noch seltener kommen sie selbst zu Wort. Politiker:innen dominieren den Diskurs, während Betroffene rechter und rassistischer Gewalt unterrepräsentiert bleiben. Zwischen 2016 und 2020 konzentrierte sich die Berichterstattung auf negative Themen wie Terrorismus und Kriminalität. Nur 3 Prozent der Medienberichterstattung über Migration behandelte Straftaten gegen Geflüchtete, während 13 Prozent über Kriminalität von Geflüchteten berichteten.

Ausländische Tatverdächtige sind in deutschen Leitmedien etwa dreifach überrepräsentiert. Bei Gewaltdelikten nennen 94,6 Prozent der TV-Berichte, die Herkunft benennen, ausländische Tatverdächtige. Besonders Tatverdächtige aus muslimisch geprägten Herkunftsländern sind mehr als vierfach überrepräsentiert. Ein Vergleich zweier Anschläge 2025 in München und Mannheim zeigt: Medien berichteten doppelt so oft über den Anschlag mit afghanischem Täter als über jenen mit deutschem Rechtsextremen. Beide Attentate forderten jeweils zwei Todesopfer.

Menschen aus muslimisch geprägten Ländern werden besonders negativ dargestellt. Migrant:innen erscheinen fast ausschließlich als Sicherheitsrisiko, während positive oder neutrale Geschichten selten sind. Diese einseitige Berichterstattung erkennt laut Integrationsbarometer 2012 auch die Mehrheit der Deutschen ohne Migrationshintergrund als problematisch an.

Regionale Blindspots: Ostdeutschland und ländliche Räume

Nach der Wiedervereinigung verkaufte die Treuhandanstalt 1991 zehn große ehemalige SED-Bezirkszeitungen an westdeutsche Medienkonzerne wie Springer, Burda und Gruner & Jahr. Im August 1991 wurden sieben von acht MDR-Direktorenposten mit Westdeutschen besetzt. Bis 2020 verkaufte die Frankfurter Allgemeine Zeitung täglich nur rund 7.900 Exemplare in den neuen Bundesländern, was 3,4 Prozent der Gesamtauflage entspricht. Die Süddeutsche Zeitung kam auf 8.300 Exemplare oder 2,5 Prozent.

Eine Analyse von 320 Millionen Presseartikeln über Ostdeutschland zwischen 1990 und 2025 zeigt: 70 Prozent waren negativ konnotiert. Begriffe wie überfremdet, rechtsradikal, rechtsextrem und ausländerfeindlich dominierten. Verben wie schrumpfen, spalten, beklagen und fürchten tauchten besonders häufig auf. Über Ostdeutschland wird vor allem im Oktober und November zum Einheits- und Mauerfalljubiläum berichtet.

Lokaljournalist:innen in Sachsen berichten von Selbstzensur. Angriffe auf Journalist:innen stiegen von durchschnittlich 23 pro Jahr zwischen 2015 und 2019 auf 69 zwischen 2020 und 2023. In Regionen mit starker rechtsextremer Präsenz werden Themen zu Rechtsextremismus oft ignoriert oder nicht mehr kritisch untersucht. Einige Lokalzeitungen decken diese Themen überhaupt nicht mehr ab.

Ländliche Räume bleiben ebenfalls unterbelichtet. Während die Vielfalt ländlicher Strukturen zunimmt und sich der Anteil der Bevölkerung ohne deutsche Staatsangehörigkeit seit 2011 von knapp 5 auf 11 Prozent im Jahr 2022 mehr als verdoppelt hat, fehlen diese Transformationen in ARD Reportagen und ZDF Reportage weitgehend.

Soziale Realitäten jenseits der Mittelschicht

68,8 Prozent der deutschen Journalist:innen verfügten 2005 über einen Studienabschluss. Aus Arbeiter:innenfamilien kamen nur 8,6 Prozent der Journalist:innen. Rund zwei Drittel der Väter von Journalist:innen sind oder waren Angestellte oder Beamte. Viele Medienunternehmen verlangen in Stellenausschreibungen einen Studienabschluss, ebenso sind unbezahlte Praktika und Volontariate oft Voraussetzung.

Das redaktionelle Personal in Medienhäusern setzt sich überwiegend aus Menschen einer höheren Herkunftsklasse zusammen. Es entsteht ein Habituszirkel: Berichtet wird spiegelbildlich, wie die Mittelschicht die Welt sieht. Armutsbetroffene und Menschen ohne formale Bildungsabschlüsse sind weder in Parlamenten noch in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit und in den Medien vertreten.

Die Arbeiterklasse ist aus den Medien verschwunden. Organisationsmacht der Gewerkschaften nahm vom Übergang des Fordismus zum Postfordismus ab. Über 80 Prozent der Bundestagsabgeordneten haben einen akademischen Abschluss, unter zwei Prozent sitzen mit einem Hauptschulabschluss dort. Politische Entscheidungen folgen systematisch den Präferenzen einkommensstarker Schichten, während Präferenzen einkommensschwacher Gruppen missachtet werden. Nur die Hälfte des ökonomisch ärmsten Drittels nimmt an Wahlen teil, beim stärksten Drittel sind es achtzig Prozent.

Wie Reportagen Magazin und Co. neue Wege gehen

Subjektiver Journalismus: Chance oder Risiko?

Öffentlich-rechtliche Sender experimentieren seit Jahren mit Presenter-Formaten, bei denen Reporter:innen ihr eigenes Erleben vor der Kamera in den Mittelpunkt stellen. Eine Untersuchung analysierte über 400 Reportagen aus Formaten wie VOLLBILD, exactly, Ultraviolet Stories, Crisis und PULS-Reportage zwischen 2021 und 2024. Das Ergebnis zeigt ein klares Berichterstattungsmuster: Rund 94 Prozent dominiert ein subjektiver New Journalism. Lebensweltthemen wie Partnerschaft und Gesundheit behandeln rund 40 Prozent der Beiträge, während Politik und Wirtschaft rund 39 Prozent ausmachen.

Gefühlsorientierte Strategien der Zielgruppenansprache nutzen rund 94,8 Prozent der Reportagen. Die Beiträge enthalten entgegen herkömmlichen Konventionen in 93 Prozent die explizite Meinung der Berichterstattenden. Reporter:innen treten vorrangig selbst als Akteure auf und fungieren als Hauptquelle der vermittelten Informationen. In 92,7 Prozent der untersuchten Beiträge sind die Reporter selbst die Hauptquellen.

Traditionelle Qualitätskriterien wie Transparenz, Vielfalt und Relevanz sind in der Mehrheit der Beiträge nicht stark ausgeprägt. Reflexivität und Nutzwert fehlen in den meisten Reportagen vollständig. Investigativjournalismus kommt nur in rund 2 Prozent vor, Erklärjournalismus in 3 Prozent.

Präsenter-Formate erreichen junge Zielgruppen

Formate von Y-Kollektiv und STRG_F bis VOLLBILD und Crisis erfreuen sich bei jungen Zuschauerinnen und Zuschauern großer Beliebtheit. Kanäle wie STRG_F oder Y-Kollektiv haben Journalistenpreise gewonnen und werden von mehr als einer Million Nutzer:innen abonniert. Dennoch diagnostiziert die Studie eine drohende Übersättigung: Mit Ausnahme des Formats PULS Reportage erreicht keines der untersuchten Formate die Reichweiten der Vorgänger.

Als Gründe für gesunkene Reichweiten nennen Studienverantwortliche redundante Themenbehandlungen, fehlende investigative Tiefe und stellenweise wenig authentische Selbstinszenierung. Kritiker:innen beschreiben dies als Selfie-Journalismus. Gleichzeitig zeigen Wirkungsstudien, dass junge Mediennutzer:innen subjektive Reportagen als narrativer und emotional berührender wahrnehmen. Sie erkennen deutlicher Meinungen und Haltungen und würden gerne mehr subjektive Beiträge sehen.

Erfolgsmodelle: Von baba news bis Lokalreporter

baba news berichtet aus dem Inneren einer multi-ethnischen Community in der Schweiz und versteht sich als progressives Medium. Das Online-Magazin setzt den Fokus auf den antirassistischen Diskurs und die Lebensrealitäten migrantischer und rassifizierter Menschen. Über 3.000 Member unterstützen baba news nicht nur im Herzen, sondern auch mit dem Portemonnaie. Die Community ist jung, urban und hat sowohl einen migrantischen wie auch einen bio-Schweizer-Background, aufgeteilt circa 50/50.

Rund 65 Prozent der Community ist unter 35 Jahre alt, 70 Prozent ist weiblich. Menschen kommen selbst zu Wort, anstatt über sie zu reden. Das Magazin berichtet direkt aus dem Inneren einer jungen multi-ethnischen Community und zeigt auf, dass die Realität in der Schweiz längst vielfältiger geworden ist.

SRF Reportagen als Vorbild für Diversität?

Seit 2020 hat SRF ein nationales Diversity Board, das auf dem Weg hin zu mehr Diversität und inklusiven Arbeitsbedingungen begleitet. Das Board definiert Diversität umfassend: Alle Mitarbeiter:innen sollen gleichberechtigt arbeiten können, ungeachtet persönlicher Merkmale wie Geschlecht, Alter, Herkunft, Religion, sexuelle Orientierung, Beeinträchtigung oder Lebensmodelle. Seit Frühling 2021 verfügt SRF über eine nationale Fachstelle für Diversität und Inklusion.

Diversität ist in der Unternehmens- und Angebotsstrategie der SRG an mehreren Stellen verankert. Mit der Initiative Chance 50:50 verfolgen die Redaktionen das Ziel, gleich viele Frauen wie Männer als Expert:innen zu Wort kommen zu lassen.

Strukturelle Hürden überwinden: Was sich ändern muss

Diversity Boards reichen nicht aus

Schweizer Medienunternehmen wie Ringier und SRG haben Diversity & Inclusion Boards eingesetzt, die Schwerpunkte setzen, Fortschritte messen und regelmäßig berichten sollen. Dennoch bleibt die Frage, ob diese Gremien tatsächlich strukturelle Veränderungen bewirken. Denn während Diversity Boards Vielfalt als Unternehmensziel verankern, ändern sie nichts an den grundlegenden Zugangsbarrieren zum Journalismus.

Ausbildung und Praktika: Wer kann sich Journalismus leisten?

Die Ergebnisse zeigen eine deutliche soziale Selektivität im Zugang zum Beruf: Personen aus akademischen Elternhäusern sind im journalistischen Nachwuchs überrepräsentiert, während solche aus nicht-akademischen Herkunftsgruppen seltener vertreten sind. Bei 23,7 Prozent der Befragten haben beide Eltern einen Studienabschluss, bei knapp einem Drittel hat zumindest ein Elternteil studiert. Arbeiterkinder? Kaum vorhanden.

Zentrale Ressourcen beim Berufseinstieg wie Praktika, freie Mitarbeit, Netzwerke und finanzielle Unterstützung sind sozial ungleich verteilt. Wer dennoch den Beruf ohne entsprechenden Hintergrund ergreifen möchte, sieht sich oft mit Hürden konfrontiert: seien es unbezahlte Praktika, die erst finanziert werden müssen, oder eine ablehnende Redaktionskultur. Bereits in den Aufnahmegesprächen an Journalismusschulen sei ein bürgerlicher Habitus gefragt, der sich nicht durch formale Bildung erwerben lasse, sondern im sozialen und familiären Umfeld vermittelt werde.

Folglich entsteht ein Habituszirkel: Berichtet wird spiegelbildlich, wie die Mittelschicht die Welt sieht. Ein Redakteur, der sich nie um Geld sorgen musste, wird anders über Armut reden als jemand, der miterlebt hat, wie in der Familie jeder Euro zweimal umgedreht wurde.

Betroffenheit als journalistische Stärke anerkennen

Soziale Herkunft beeinflusst nicht nur den Zugang zum Journalismus, sondern auch das berufliche Rollenverständnis. Während Personen aus akademischen Elternhäusern stärker die kritisch-überwachende Funktion als Vierte Gewalt betonen, legen Befragte aus nicht-akademischen Elternhäusern größeren Wert auf partizipative, entwicklungsorientiert-pädagogische und anwaltschaftlich-repräsentationsbezogene Aufgaben im öffentlichen Diskurs. Diese unterschiedlichen Perspektiven sind keine Schwäche, sondern eine Stärke. Diversität produziere zwar keinen besseren Journalismus, sagt Medienforscherin Köhler, aber sie ist eine Voraussetzung, um die gesellschaftliche Wirklichkeit in ihrer Vielfalt abbilden und unterschiedliche Perspektiven sichtbar machen zu können.

Reportagen Abo der Zukunft: Vielfalt als Qualitätsmerkmal

Warum diverse Redaktionen besseren Journalismus produzieren

Diversität wird zunehmend als strategischer Erfolgsfaktor in Medienunternehmen verstanden. Diverse Teams zeigen höhere Innovationskraft, bessere Problemlösung und ausgewogenere Entscheidungen, weil unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen. Dabei bringen vielfältige Redaktionen Kompetenzen mit, die im Journalismus chronisch fehlen: inter- und subkulturelles Wissen, Zugänge zu Communities, Mehrsprachigkeit, neue Expert:innenkontakte und den Blick für blinde Flecken.

Medien, die Diversität ernst nehmen, werden von einem breiteren Publikum als glaubwürdiger und vertrauenswürdiger wahrgenommen. Journalist:innen mit unterschiedlichen kulturellen und biografischen Hintergründen binden ein diverses Publikum und stärken dessen Vertrauen in das Medium. Ein Beispiel zeigt die Wirkung: Die Vogue behandelt seit einiger Zeit verstärkt PoC-Themen und konnte dadurch ihre Auflage steigern.

Neue Finanzierungsmodelle für marginalisierte Stimmen

Gemeinnütziger Journalismus orientiert sich am Gemeinwohl statt an Rendite und kombiniert diese Orientierung mit der Beweglichkeit privater Medienorganisationen. Stephanie Reuter vom Forum Gemeinnütziger Journalismus sieht darin eine Möglichkeit, Medienvielfalt in kostenintensiven Bereichen wie Investigativ- oder Lokaljournalismus zu stärken. Kleinere Einzelspenden garantieren maximale Unabhängigkeit, während stiftungsbasierte Modelle im Sinne des Gemeinnützigkeitsrechts wirtschaftliche Zwänge reduzieren.

Leser:innen wollen sich wiederfinden

Demographisch wird das weiße Mittelstands- und Bildungsbürgertum als Publikum immer kleiner, weil die junge Zielgruppe noch nie so divers war wie heute. Dementsprechend ist es eine gute Investition in die Zukunft, Redaktionen divers zu gestalten. Zwei Drittel der Redaktionen finden, die Zusammensetzung der Gesellschaft müsse sich in Redaktionen widerspiegeln und dass Vielfalt inhaltlich wichtig ist. Dennoch gibt es einen großen Mangel an Aktionen für mehr Vielfalt. Ohne Zahlen ändert sich nichts, dabei geht es nicht nur um Repräsentation, sondern auch um journalistische Relevanz und Reichweite.

Schlussfolgerung

Deutsche Reportagen stehen vor einer grundlegenden Herausforderung: Diversity Boards und Absichtserklärungen reichen im Grunde nicht aus, solange strukturelle Barrieren bestehen bleiben. Wir haben gesehen, dass unbezahlte Praktika, fehlende Netzwerke und soziale Selektivität Menschen mit Migrationsgeschichte und aus Arbeiterfamilien systematisch ausschließen. Daher braucht es konkrete Maßnahmen: neue Finanzierungsmodelle, Betroffenheit als journalistische Kompetenz und vor allem den Mut, Redaktionen grundlegend zu verändern. Vielfalt ist gleichermaßen ethische Verpichtung und Qualitätsmerkmal. Erfolgsbeispiele wie baba news zeigen: Journalismus wird besser, glaubwürdiger und relevanter, wenn vergessene Stimmen endlich gehört werden.

FAQs

Q1. Warum fehlen Menschen mit Migrationsgeschichte in deutschen Redaktionen? Strukturelle Barrieren wie unbezahlte Praktika, fehlende Netzwerke und soziale Selektivität schließen Menschen mit Migrationsgeschichte systematisch aus. Studien zeigen, dass rund 90 Prozent der Journalist:innen of Color Rassismus am Arbeitsplatz erfahren haben. Zudem werden interkulturelle Kompetenzen von Personalverantwortlichen als weniger wichtig eingestuft, während klassische journalistische Fähigkeiten betont werden – ausgerechnet in Bereichen, wo man bei migrantischen Bewerber:innen die größten Defizite vermutet.

Q2. Wie werden Menschen mit Migrationsgeschichte in der Berichterstattung dargestellt? Menschen mit Migrationsgeschichte werden überwiegend als Objekte statt als Subjekte dargestellt. Nur 10 bis 25 Prozent aller in der Migrationsberichterstattung vorkommenden Personen sind selbst Migrant:innen. Die Berichterstattung konzentriert sich stark auf negative Themen wie Terrorismus und Kriminalität, während positive oder neutrale Geschichten selten sind. Ausländische Tatverdächtige sind in deutschen Leitmedien etwa dreifach überrepräsentiert.

Q3. Was sind Präsenter-Formate und wie erfolgreich sind sie? Präsenter-Formate sind Reportagen, bei denen Reporter:innen ihr eigenes Erleben vor der Kamera in den Mittelpunkt stellen. Rund 94 Prozent dieser Formate nutzen einen subjektiven New Journalism-Ansatz. Kanäle wie STRG_F oder Y-Kollektiv haben Journalistenpreise gewonnen und werden von mehr als einer Million Nutzer:innen abonniert. Junge Mediennutzer:innen nehmen diese Formate als narrativer und emotional berührender wahr.

Q4. Welche sozialen Gruppen sind im deutschen Journalismus unterrepräsentiert? Menschen aus Arbeiterfamilien sind stark unterrepräsentiert – nur 8,6 Prozent der Journalist:innen kommen aus diesem Milieu. Rund 68,8 Prozent verfügen über einen Studienabschluss, und zwei Drittel der Väter von Journalist:innen sind oder waren Angestellte oder Beamte. Auch Menschen mit Behinderung, LGBTQIA+-Personen und Muslim:innen sind in Führungspositionen und Kontrollgremien kaum vertreten.

Q5. Warum ist Diversität in Redaktionen wichtig für die Qualität des Journalismus? Diverse Redaktionen produzieren innovativeren und ausgewogeneren Journalismus, weil unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen. Sie bringen inter- und subkulturelles Wissen, Zugänge zu Communities, Mehrsprachigkeit und neue Expert:innenkontakte mit. Medien mit diversen Teams werden von einem breiteren Publikum als glaubwürdiger und vertrauenswürdiger wahrgenommen, was auch die Reichweite erhöht.

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